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  1. Von oben betrachtet

    Am Feldweg liegt ein toter Käfer.
    Er hat die sechs Beine sorgsam auf dem Bauch gefaltet.
    Statt des Wustes von Tod – Sauberkeit und Ordnung.
    Gemäßigt ist das Grauen dieses Anblicks,
    die Reichweite streng lokal von der Quecke zur Minze.
    Die Trauer teilt sich nicht mit.
    Der Himmel ist blau.

    Unserem Frieden zuliebe sterben die Tiere nicht,
    sie krepieren den seichteren Tod. Sie verlieren,
    wir wollen es glauben, weniger Welt und Gefühl,
    verlassen, so will uns scheinen, die weniger tragische Bühne.
    Ihre fügsamen Seelen schrecken uns nicht in der Nacht.
    Sie schätzen Distanz.
    Sie kennen die mores.

    Und also glitzert der tote Käfer, unbeweint,
    am Weg in der Sonne.
    Es genügt, an ihn soviel zu denken wie hinzusehn:
    er liegt, als wäre ihm nichts von Bedeutung passiert.
    Bedeutung haben angeblich wir,
    nur unsere Leben, nur unser Tod,
    der Tod, der erzwungenen Vorrang genießt.

    Wisława Szymborska

      1. Ja, Perspektivwechsel ist vonnöten, und die Gedichte von WS können dafür eine gute Übung sein.

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